Anne Sterzbach


Magdalena Holzhey - Linien und Räume

Ich erinnere mich an den Moment, als ich den Arbeiten von Anne Sterzbach das erste Mal von Angesicht zu Angesicht begegnete. Nach Düsseldorf angereist, um eine Installation zu planen, öffnete sie ihre große Reisetasche und zog wie aus einem Zauberkoffer allerlei Materialien, lange Schnüre, Essstäbchen, aufgerollte Stoffbahnen, Schaschlikspieße, schwarze Gummibecher, weiße Gipsblöcke hervor. Sie arbeitete mehrere Stunden im Nebenraum, und was ich auf Abbildungen nur hatte erahnen können, war eingetreten. Der Raum war ganz und gar verwandelt, beinahe so, als wären überall zarte Instrumente angebracht worden, die auf eine Verfeinerung der Wahrnehmung einstimmten.

Wie beschreiben, in welchem Moment ein Objekt sich selbst und seine Umgebung verzaubert - und warum? Eine Gratwanderung, wann da einfach eine Schnur im Raum hängt und wann sie dort zwingend hängen muss, um Energie fühlbar werden zu lassen. Anne Sterzbach weiß das. Darum arbeitet sie behutsam, platziert ihre Objekte mit Bedacht im Raum, rückt sie einen Zentimeter mehr nach links, und auf einmal stimmt alles.

Anne Sterzbachs Objekte sind still, von minimalistischer Strenge. Häufig lächeln sie auch. Da hängen dicht an der Wand, die Höhe des Raumes durchmessend, zwei schmale weiße Stoffstreifen nebeneinander. Der rechte liegt, kurz über dem Boden, auf einem kleinen Gipsbänkchen auf, das die Energie der stürzenden Linie aufzuhalten und zu konzentrieren scheint. Von der Seite gesehen fällt das Auge auf einmal in den dunklen Spalt des Schattens zwischen Streifen und Wand, als öffnete sich dahinter eine ungeahnte Tiefe.

Anne Sterzbachs scheinbar schwerelose oder lastende, plötzlich erscheinende oder beinahe verschwindende Objekte bewegen sich im Übergang zwischen Raum und Fläche. Die Erschließung des dreidimensionalen Raumes und die Auseinandersetzung mit der zweidimensionalen Fläche sind für die Künstlerin gleichermaßen wichtig.

Ihre höchst spannungsreichen Bleistiftzeichnungen entstehen aus einer plötzlich wahrgenommenen Bewegung, einer Linie im Alltag, die ihr ins Auge springt. Diese eigenwillige Form von selektiver Wahrnehmung bildete sich mit Vehemenz vor acht Jahren bei einem Studienaufenthalt in London aus. Anne Sterzbach erinnert sich an lange Busfahrten durch die fremde Stadt, in einer absichtslosen Stimmung, ein wenig so, als würde man sich gelangweilt einen Film ansehen. Sie erinnert sich, wie ganz plötzlich eine Sache wichtig wurde, ein Ding der Außenwelt - ein Vorhang, ein Rinnstein, der Schwung eines Armes - das ihr die Chance gab zur Formulierung eines energetischen Bildes. Was ihr auf diese Weise den Zugang zur Welt aufschloss, gibt sie dem Betrachter ihrer Arbeiten zurück, der "in Freiheit die Augen (zu) öffnen" vermag. (Anette Ruttmann, Ich sehe was, was du nicht siehst, in: Anne Sterzbach, Objekte und Zeichnungen, Nürnberg 1998)

Die enge Verbindung von Zeichnung und Objekt ist entscheidend für die Arbeit von Anne Sterzbach - ganz so, als würden sich die Zeichnungen immer wieder in den Raum hinein fortsetzen. Zwei schwarze Bögen aus Draht umklammern eine Ecke des Raumes und treffen sich über einem aus dem Boden ragenden Zahnstocher - einer feinen hellen Linie -, aus dem sie wie zwei Wasserstrahlen zu entspringen scheinen. Davor fällt ein fragiles Gebilde aus Holzspießen und weißem Nähgarn, fast unsichtbar, aus der Wand in den Raum. Mit ihren aus Alltagsmaterialien entstehenden Objekten arbeitet Anne Sterzbach in einem "Zwischenbereich des Materiellen und Immateriellen" (Petra Weigle), in dem jeder Gegenstand zugleich konkrete und abstrakte Eigenschaften besitzt. Dem Alltäglichen wird eine formale und atmosphärische Kraft abgespürt, die sich im Dialog mit dem Umraum, im Spiel mit Licht und Leere, entfaltet.

Die Objekte werden meistens unmittelbar durch die ästhetischen und haptischen Eigenschaften des gefundenen Materials inspiriert, das nur selten zugeschnitten oder auf andere Weise verändert wird. Ein Strohhalm ist eine Linie, die innen hohl ist. Sie kann abknicken und neugierig um die Ecke schauen. Ein Pfeifenputzer ist der rhythmisierte Pinselstrich eines Aquarells an der Wand, der in den Raum ausstrahlt. Die Spitzen zweier gegeneinander gerichteter Schaschlikspieße, die sich nur fast berühren, laden den kaum sichtbaren Raum zwischen ihnen energetisch auf. Was Anne Sterzbach in ihren Arbeiten umsetzt, beschreibt Franz Xaver Baier anschaulich in seiner Schrift über den Raum:" Materialien erzeugen Nähen und Distanzen...(...)Räume stecken bereits in den Materialien." (Franz Xaver Baier, Raum. Prolegomena zu einer Architekturdes gelebten Raumes, Köln 1996, S. 98.)

Anne Sterzbachs Arbeiten sind genaue Setzungen im Raum, manchmal spröde und widersprüchlich, manchmal heiter und leicht, immer jedoch überraschend, kraftvoll, oszillierend. Sie nehmen das strapazierte Auge gegen die Bilderflut in Schutz und schulen gleichzeitig unsere Fähigkeit, Räume zu erschließen. "Räume sind Lebewesen", schreibt Baier. "Sie können sich dehnen, strecken, runden, abheben, fliegen und uns mitnehmen." (Franz Xaver Baier, a.a.O., S.7.) Dies will Anne Sterzbach: die Dinge in eine Freiheit entlassen, dorthin, wo sie ihr eigenes Leben entfalten können und zu Gebilden werden, die fähig sind, für sich selbst zu sprechen.

 

Katalogtext zur Ausstellung Anne Sterzbach, Neue Galerie Dachau, 2003

 

 

 

 

 

Eugen Gomringer - Wahrheit und Freiheit in Linie und Objekt

Anne Sterzbach kann weder auf die Linie noch auf das Objekt festgelegt werden - sie lässt sich überhaupt nicht festlegen: weder auf eine Nachfolge so mancher Zeichner der Gegenwart oder auf bekannte Künstler-Denker in Objekten, noch technisch auf die eine oder andere Art des Herstellens. Nur, dass sie zeichnet und feine Denk-Objekte macht, ist eine Zugehörigkeit. Man kann sagen: wer so wie sie zeichnet und feine Konstellationen im kleinen Raum macht, ist existent.

Man hat die Linie immer wieder in Kategorien eingeteilt, von der expressiven bis zur technischen Linie, von der verspielten und träumerischen bis zur drohenden und aggressiven. Ausser der technischen Linie und der drohenden Linie sind im jungen Werk von Anne Sterzbach bereits sehr unterschiedliche "Typen", besser: Handhabungen dieses Urelements festzustellen, besser: zu erleben. Anne Sterzbach zeigt von Blatt zu Blatt eine andere, neue Gebärde. Sie zeichnet, wenn ein inneres Wahrheitsmoment sich freimachen muss. Das scheint ein Prozess der Verschmelzung von Ordnung und Sich-darstellen zu sein. Ordnung strebt nicht - in ihrem Fall - von einem Rand zum anderen, sondern bündelt sich in der Mitte, organisiert sich kernförmig, hält sich an etwas fest, ist genau. Es gibt schöne Zeugnisse für dieses Verhalten.

Mehr erzählerischer Art sind die Zeichnungen, die ausgreifen und deutlich beginnen und enden. Sie erzählen das Senkrechte und das Waagrechte und das Schräge und das Gerade und das Runde. Zeichnungen sind aber immer auch Profile im Raum. Ein Innenraum verschmilzt das zu Sagende zu einer Linie im Aussenraum, in ein zweidimensionales Gebilde, wo nur noch Flächenraum ist. Dass dieses vereinfachte, abstrahierte Gebilde von irgend etwas dennoch seine Herkunft offenbart, dies ist ein Vorgang, der in der Kunst von Anne Sterzbach ökonomisch mit wenigen Strichen festgehalten wird. Ihre Kunst ist eine Bereicherung der Zeichnung, das heisst auch der Liniensprache. Sie setzt persönliche Zeichen der subjektiven Wahrheitserforschung. Deshalb ist ihre Zeichnung auch nicht festzulegen - ebenso wenig wie die Objekte aus Metall, Baumwolle und Gips. Im Unterschied zu den freischwebenden Strichen, die ja zum Beispiel etwas Vagierendes haben können, sind die Objekte stofflich gebunden. Das Lineare, das Profilierende, ist aber im Objekt ein führendes Prinzip, ja man erwägt, ob sich konsistentes Stoffliches nicht gerade in der Funktion des Gegensatzes findet, wie bei den Akrobaten, wo der Bodenhaftende das Spiel in der Luft, im Raum ermöglicht, dem das besondere Augenmerk gilt. Objekte und Zeichnungen sind deshalb - vorläufig möchte man ahnungsvoll sagen - nicht zu trennen, das heisst sie ergänzen sich, bilden eine Familie mit unterschiedlichen Talenten, aber in allen Akten dienen sie der einen Einsicht und Existenz.

Der auf Anne Sterzbachs Kunst eintretende Beobachter wird aussergewöhnlich sensibilisiert in einer Sprache, die sich nur behelfsmässig der Alltagssprache bedienen muss, sonst aber dürfte nur Poesie sich an diesen Gebilden versuchen.

 

 

Anette Ruttmann - Ich sehe was, was du nicht siehst

Wir sehen auf dem Papier grauschwarze Striche, die irgendwoher kommen und nirgendwohin zu führen scheinen, wir sehen Fäden und Metallschienen, die an der Wand befestigt sind. Sie bilden nur selten etwas ab und kein Wiedererkennen erleichtert das Sehen. Ich sehe die Hilflosigkeit in den Augen des einen, ein anderer fühlt sich auf den Arm genommen, seine Ängste äußern sich in einer Wut, die ich nicht empfinden kann. Ich bin über meine Sicherheit, daß dies wirklich Kunst ist, erstaunt. Schon beim ersten Blick und später, bei noch so schlechter Gemütsverfassung, erfahre ich diese Zeichnungen und Objekte als spannend, anregend und wie eine Befreiung.
Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist:
Diese unscheinbaren Linien besitzen die Fähigkeit, Gedanken herzustellen, sie sichtbar und fühlbar zu machen. Sie verfügen über eine Energie, die eine schwächer gewordene Batterie auflädt, eine lahmende Fantasie in Schwung bringt. Ich sehe eine in Ihrer Radikalität wohltuende Schlichtheit. Die Abwesenheit der Gegenstände empfinde ich als Erleichterung. Da geizt jemand mit Formen und gewinnt an Bedeutung.

Meine Augen werden schärfer. Ich sehe, daß Anne Sterzbach diese Objekte und Zeichnungen nicht willkürlich geschaffen hat, sondern mit vorsichtiger, aber sicherer Hingabe - unbelastet von Vor-Bildern, eher sind sie als energetische Gegen-Bilder zu bezeichnen. Der Bleistift, den sie verwendet, darf weich sein, aber den Kohlestift meidet sie: Sie sagt, seine Handhabung bringe zu bequeme Striche hervor, er entziehe sich dem festen Griff. Was mir vorbildlich - asketisch erscheint, sind in den Augen der anderen kümmerliche, dilettantische Striche, Armutsbeweise, weit davon entfernt, Kunst zu sein.

Ich sehe das, was du noch nicht siehst!
Mich aber fasziniert das sparsame Wechselspiel von geraden und gebogenen Linien, ihre zarte Klarheit und zurückgenommene Eleganz. Wir dürfen uns den Luxus erlauben, nicht nur einmal zu gucken, sondern zweimal, dreimal, viermal, fünfmal... wir haben Zeit. Wir müssen nicht gleich verborgene Wahrheiten erblicken, dürfen in Freiheit die Augen öffnen. Die Objekte und Zeichnungen der Künstlerin fordern uns heraus - heraus aus unseren Sehgewohnheiten. Zuweilen sind sie spröde und karg, sie stellen Anforderungen an unser Vor-stellungsvermögen. Sie sind ernst aber dennoch leicht. Sie scheinen zurückhaltend und zugleich anziehend. Sie sind klug und - sehr wahrscheinlich - auch philosophisch.
Siehst du was, was ich noch nicht gesehen habe?
Da ist dieses Blatt mit den drei gezeichneten Fäden. Es sind Striche, die die Eigenschaft von Fäden haben. Sie gehorchen der Schwerkraft, sie fallen von oben herab, kommen aus dem Raum, von weiter her.
Sie haben in der Vergangenheit ihren Anfang genommen und setzen sich in Gegenwart und Zukunft fort. Am unteren Bildrand hören sie nicht auf, obwohl ihre Enden dort auf einen Widerstand zu treffen scheinen, der sie dazu bringt, kleine Schlaufen zu bilden, die sich im Unsichtbaren weiterrunden. Das Papierende hat sie nicht wirklich aufgehalten, also wäre auch der freie Fall möglich gewesen; sie sind ein sichtbares Paradox, eine Denkfigur mit einem witzigen kleinen, zu kurz gekommenen Strich in der Mitte, dem eine andere kleine Linie, ein Ableger, entgegenstrebt.

Es gibt ein Pendant zu dieser Zeichnung in einem Objekt. Vielleicht ist es auch eine Steigerung. Sind es nicht vom Papier befreite Zeichen? Aber was die Zeichen dort an das Papier bindet, hat sich hier in einen Hauch von Materie verwandelt. Wir sehen zwei Fäden, die an der Wand befestigt sind. Die Schlaufen befinden sich an einer anderen Stelle, sie geben den Fäden etwas positiv Menschliches, Sensibilität und eine weibliche Anmut in dieser kleinen unerwarteten Bewegung, die nicht nur dem Fallgesetz zu gehorchen scheint. Fäden sind mehr als Fäden ... sie spinnen sich fort und fort. Es gäbe noch viel über sie zu sagen:

Du siehst, was ich noch nicht gesehen habe?
Diese Fäden der Anne Sterzbach sind aus dem Garn-Knäuel der Ariadne, mit ihnen können wir unseren Weg aus dem Labyrinth der Dinge finden.

 

 

Stephan Trescher - Leises Beben

Am Anfang ist die Linie. Oder wohl doch eher die Beutezüge aus den Baumarktregalen, die Fundsachen aus dem Kurzwarengeschäft und überhaupt die Beiläufigkeiten des Alltags: ein Draht, ein Knopf, ein Gummiband.

Anne Sterzbachs Arbeitsweise gleicht in vielem der des Dichters: Sie beobachtet, sammelt Eindrücke, macht sich Notizen und trägt allmählich einen ganzen Berg an Material zusammen. Der will gesichtet sein, muss geordnet werden und Stück um Stück abgetragen; dann schält sich ein Motiv heraus, ein Bild nimmt vor dem inneren Auge Gestalt an - und muss nun noch dem äußeren verdeutlicht werden.

Dafür ist zuallererst der ganze Ballast beiseite zu räumen - und puristisch, wie Sterzbach denkt, ist das das meiste. Was übrig bleibt, muss das Wesentliche in wenigen Worten fassen; wie ein Haiku: streng gebaut, scheinbar beiläufig, aber präzis, klein und unscheinbar und doch ein poetisches Kleinod. In Sterzbachs Oeuvre gibt es Zeichnungen auf Papier und Zeichnungen im Raum. Beide gewinnen in jüngster Zeit zwar an Größe, Gewicht und Farbigkeit, aber selbstverständlich nur in Sterzbach'schem Maßstab; also in Andeutungen und vornehmer Zurückhaltung. Jedenfalls bleiben es Zeichnungen, filigran, nicht gravitätisch, eher spröde als opulent. Die Zeichnungen auf Papier sind immer aus der Anschauung gewonnen, also, wenn man so will, "nach der Natur", aber so weit abstrahiert und reduziert, dass sie immer rätselhaft bleiben; auch wenn sie manches Mal Assoziationen an bestimmte Gegenstände zulassen oder gar nahelegen. Umgekehrt verhält es sich mit ihren Objekten und Installationen, die ich als dreidimensionale Zeichnungen im Raum betrachte, in denen sie zu einer konkretisierten Form der Abstraktion findet. Ein Flaschenverschluss ist ein Flaschenverschluss und ein Pfeifenputzer bleibt ein Pfeifenputzer. Das wird weder verleugnet noch kaschiert, sondern bleibt deutlich sichtbar. Aber es wird auf geradezu magische Weise umgedeutet zu einem Farbakzent, einer Kraftlinie, einem lineraren, energetischen Impuls, aus denen die Künstlerin ihre Bilder baut. So wie also die Gesetze einer abstrakten Komposition ins erstaunlich Gegenständliche transformiert werden, so binden die banalen, gewöhnlichen Objekte die formale Strenge einer nicht abbildenden Kunst zurück ins Alltagsleben. Kandinskys Punkt und Linie zu Fläche hieße bei Sterzbach eher "Hirschhornknopf und Baumwollfaden zu Rohputzwand". Kurz: Das Bild bleibt abstrakt, das Material sehr konkret.

Zum Beispiel die roten Strohhalme, die im fortlaufenden Zickzack aus der Wand ragen. Wenn man seitlich aus einem bestimmten Winkel auf die Wand blickt, verschmelzen sie zu einer einzigen horizontalen Linie, einem roten Strich, der in der Mitte ein bisschen dünner ist als an seinen Enden (S. 9). Dann aber, schon im nächsten Schritt des Näherkommens, werden sie zu einer Verbindung seltsamer Winkel, von denen nicht gleich klar ist, ob sie nach oben und unten oder hinten und vorne weisen. Dieser Charakter des Vexierspiels, der räumlichen Kippfigur bleibt erhalten, auch wenn wir längst begriffen haben, wie die geknickten Strohhalme tatsächlich verlaufen. Wie an einem miniaturisierten Klettergerüst turnen unsere Blicke drunter und drüber, tauchen weg und wieder auf und wollen sich nicht auf eine eindeutige Perspektive, ein endgültiges Bild kaprizieren. Fest steht nur, dass es sich schlicht um ein paar rote Plastikröhrchen auf einer endlos scheinenden weissen Wand handelt, die wie Fühler von Messinstrumenten in den Raum reichen, vielleicht auch wie deren Gegenstück, Zeiger von technischem Gerät, die jeden Moment ausschlagen könnten. Nur: Welche Schwankungen werden hier angezeigt, welchen Erschütterungen wird hier nachgespürt? So viel ist sicher: Es sind feine Veränderungen, leise Beben, minimale Verschiebungen. Schreiten wir schauend die orangefarbene Linie entlang, die zwei senkecht zueinander stehende weiße Wände verknüpft, in Gestalt eines Wollfadens mit Holzknopf (rechts und S. 50): Streng horizontal verläuft der farbige Wollstrich immer an der Wand lang; der hellbraun geflammte Knopf markiert die Ecke, und durch den Abstand zwischen Eingangs- und Austrittsloch verschiebt sich die Höhe des Fadenverlaufs: Er kommt tiefer an, als er fortgeht (oder umgekehrt), er biegt nicht nur um die Ecke, sondern wechselt auch die Geschosshöhe, die Tonlage. Da die Verschiebung in der Horizontalen aber so minimal ist, unternehmen unsere Augen unweigerlich den Versuch, den Strich geradezurücken, ihn zu einer durchgehenden Waagerechten zu machen, ihn als räumliche Klammer zu sehen, als gangbaren Weg zwischen linker und rechter Wand. Da das nicht vollständig gelingt, bleibt ein Moment der Irritation bestehen, ein Widerhaken, der unsere Aufmerksamkeit fesselt, viel eher bindet, als die perfekte Gerade das je könnte. Und je länger man darauf blickt, desto eher kann man zur Überzeugung gelangen, dass das gar kein lineares Gebilde ist, sondern ein kleines zylindrisches Etwas, das zwei starre Arme wie Antennen in unterschiedliche Himmelsrichtungen ausstreckt. Diese funktechnische Assoziation drängt sich da noch direkter auf, wo die Linien aus Draht bestehen und frei durch den Raum gespannt sind, wie bei dem Objekt mit der roten Resopalplatte (unten und S. 33). Aber wahrscheinlicher, als dass das Resopalbrettchen Radiowellen empfängt, ist, dass es selbst Strahlen aussendet. Dieser Wechsel der Eindrücke von passiv zu aktiv beginnt schon damit, dass man für einen kurzen Moment zu sehen glaubt, das rote Rechteck würde von den schwarzen Linien in der Raumecke festgehalten, durch die verspannten Drähte an den Wänden verankert. Schon bald sieht es aber umgekehrt aus, nämlich ganz so, als ob das Brett aus eigener Kraft eine knappe Handbreit über dem Fußboden schweben würde, ein fliegendes Schneidbrettchen, das Materie gewordene Kraftlinien aussendet, Zeichenstriche, die durch das Abknicken des einen flächenverhaftet sind wie eine Wandzeichnung und dennoch eine Spitze des Raumes aus der Zimmerecke herausschneiden, als Volumen wo nicht fassbar, so doch begreiflich machen. Zu diesen Gegensatzpaaren von Halten und Gehaltenwerden, von Raum und Fläche, treten noch die Form- und Farbkontraste zwischen rotem Rechteck, grauem Fußboden, weißen Wänden und schwarzen Strichen, besonders aber der schon eingangs erwähnte Gegensatz zwischen präziser Konstruktion und den Ungenauigkeiten, den Gebrauchsspuren und der Ärmlichkeit des Materials, das man im Falle des Resopalbrettes geradezu als schäbig bezeichnen müsste, würde es durch die Schönheit des Ensembles nicht derart veredelt. Zumindest in diesem Sinne sind Sterzbachs Raumzeichnungen in der Tat eine "arme" Kunst; ihre Materialien sind unprätentiös bis zum Gehtnicht-mehr und stets von geringer Größe. Der Materialaufwand ist also minimal. Doch es wäre mehr als irreführend, für Sterzbachs Kunst den Terminus des Minimalismus zu verwenden; eher sollte man dafür den Begriff des Mikromalismus prägen. Im Unterschied zu den Vertretern der Minimal Art ist es nämlich gerade nicht das Genormte, Glatte, berechenbar Stereometrische, was die Künstlerin fasziniert.

Aus dem Abgenutzten und Verbrauchten zaubert sie die Schönheit hervor, und im Gelingen der Gesamtform schafft sie es, die Unscheinbarkeit der Bestandteile vergessen zu machen.

Es ist stets ein Weniges, das Sterzbach leise, mit nie auftrumpfendem Gestus präsentiert - das aber dennoch eine Positionierung des Betrachters zum Werk einfordert. Ganz buchstäblich schon allein aufgrund der optischen Verschiebungen, die sich aus dem Wechsel der Betrachterperspektive ergeben. Aber eben auch, weil diese minimalen, oft mikroskopisch kleinen Setzungen den Raum erobern: einen eigenen aufspannen und definieren oder den vorhandenen umdeuten, unterlaufen, überspielen. Wie die Wand, die aus dem Gleichgewicht kippt, nur weil die Künstlerin sie rechts oben "angekreuzt" hat (rechts oben und S. 13): Zwei parallel ausgerichtete rote Bleistiftrohlinge, ungespitzt, die jeweils von einem erheblich schlankeren, schwarzen Schaschlikstab gekreuzt werden, so dass sie eine Art Wippe bilden. Das stumpfe Ende der Holzspieße ruht auf der Wand auf, die Spitze ragt in die Luft. Die schwarzen Spieße sind ein bisschen länger als die Bleistifte, so dass die beiden Kreuze auf den ersten Blick in ein delikates Ungleichgewicht geraten. Auf den zweiten ist es ein höchst subtil austariertes Gleichgewicht der Kräfte, das Masse gegen Länge, Farbigkeit gegen Gerichtetsein ausspielt. Diese sorgfältig ausbalancierten Kreuze sind nun so auf die weiße Wand gesetzt, nämlich ganz in die obere rechte Ecke, dass nicht bloß ein Schaschlikspieß über den Rand der Wand hinausragt, sondern die ganze große Mauer optisch aus dem Gleichgewicht gerät und scheinbar aus dem Lot zu kippen droht.

Denn ihre subtilen Setzungen können mitunter wie winzige Explosionen wirken, die unhörbar stattfinden, sich aber im vielfachen Nachhall zu einer kompletten Verwandlung des Raumes aufschwingen und in unserer Wahrnehmung das Unterste zuoberst kehren. Dabei ist die Menge des optischen Dynamits so gering wie möglich gehalten, geradezu homöopathisch dosiert. Sterzbachs Umgang mit ihrem Material gleicht einem fast schon alchimistischen Prozess der fortwährenden Läuterung, des Destillierens, Eindampfens, Ruhenlassens und weiteren Reduzierens, bis am Ende das Allermeiste sich wieder verflüchtigt hat und nur noch ein Konzentrat übrig bleibt, mit viel spürbarem Raum ringsum, einer spannungsgeladenen Leere.

In der großen Stille hört man auch einen einzelnen Tropfen fallen.